Nikolaus Rauch
Alle Beiträge

Die Dinge, die meinen Blick verändert haben

Der Berater als Beobachter

Wall IV „The Line That Remains“: Betonwand mit senkrechter Linie neben rosa Streifen

Über viele Jahre habe ich Unternehmen beraten. Ich war in Vorstandsetagen, Besprechungsräumen, Werkhallen und Projektgruppen unterwegs. Offiziell ging es um Strategien, Prozesse, Organisationen und Veränderungen.

Je länger ich diese Arbeit machte, desto häufiger bemerkte ich einen Widerspruch. Alle sprachen über Strukturen, Kennzahlen und Verantwortlichkeiten. Doch hinter jeder Entscheidung standen Menschen. Hinter jedem Konflikt. Hinter jeder Innovation. Hinter jedem Scheitern. Eigentlich ist das eine banale Erkenntnis.

Natürlich bestehen Unternehmen aus Menschen.

Bemerkenswert ist vielmehr, wie leicht wir das vergessen.

Viele Probleme, die zunächst technisch erschienen, hatten ihre Ursachen an ganz anderer Stelle. In Missverständnissen. In ungeklärten Erwartungen. In mangelndem Vertrauen. Oder in Geschichten, die nie ausgesprochen wurden. Oft genügte ein Nebensatz in der Kaffeepause, um mehr über eine Situation zu erfahren als eine Stunde Präsentation.

Mit der Zeit begann ich weniger auf das zu achten, was Menschen über sich selbst sagten, und mehr auf die Spuren, die sie hinterließen. Auf Zwischentöne. Auf das, was fehlte. Auf die Art, wie ein Raum eingerichtet war. Wie Menschen miteinander umgingen. Welche Themen wurden vermieden. Mich interessierte immer stärker das, was sich nicht auf den ersten Blick zeigte.

Diese Gewohnheit begleitet mich bis heute. Wenn ich durch eine Stadt gehe, bleiben mein Blick und meine Aufmerksamkeit selten an den offensichtlichen Sehenswürdigkeiten hängen. Mich ziehen eher gebrauchte Wände, abgenutzte Böden, ungewöhnliche Farbkombinationen, Risse, Linien, Flecken oder Überlagerungen an. Ebenso ein verlassenes Fahrrad oder eine Badewanne auf einer alpinen Wanderung – Dinge, die Geschichten andeuten, ohne sie zu erzählen.

Vielleicht suche ich deshalb heute in Mauern, Fassaden und Stadträumen nach ähnlichen Hinweisen wie früher in Gesprächen und Organisationen. Nach Spuren, die etwas erzählen, ohne es direkt auszusprechen.

Auch viele meiner Bilder entstehen auf diese Weise. Nicht aus dem Wunsch, etwas zu erfinden, sondern aus dem Versuch, etwas zu entdecken. Rückblickend war die Beratungsarbeit für mich deshalb nicht nur eine Schule des Denkens. Sie war auch eine Schule des Sehens.

Zur Serie Wall I

Nächster Termin