Als junger Mann begleitete ich deutsch-französische Jugendgruppen. Bei einem Austausch waren wir gemeinsam in einer Stadt unterwegs. Ich hatte eine klare Vorstellung davon, welchen Weg wir einschlagen sollten.
Als ich meinen Vorschlag unterbreitete, merkte ich schnell, dass die Gruppe uneins war. Einige wollten in die eine Richtung, andere in die andere. Für einen Moment war ich ratlos.
Dann entschied ich mich, die Diskussion zuzulassen.
Ich stellte die Situation dar und hörte zu. Die Jugendlichen begannen zu argumentieren, abzuwägen und Vorschläge zu machen. Nach kurzer Zeit hatte die Gruppe eine gemeinsame Entscheidung getroffen.
Das Erstaunliche daran: Die Entscheidung unterschied sich kaum von der Richtung, die ich ursprünglich vorgeschlagen hatte.
An diesem Tag habe ich etwas gelernt, das mich bis heute begleitet. Verantwortung bedeutet nicht, alles selbst zu entscheiden. Verantwortung bedeutet auch, andere einzubeziehen und Verantwortung abzugeben.
Später begegnete mir dieselbe Erkenntnis in meiner Arbeit als Berater. Und noch später in meiner Kunst.
Wenn ich fotografiere oder male, versuche ich nicht, dem Betrachter jede Bedeutung vorzugeben. Ich suche, finde, markiere und interveniere. Aber einen Teil der Verantwortung gebe ich ab.
Der Betrachter entdeckt, verbindet, ergänzt und widerspricht.
Vielleicht entstehen die interessantesten Bilder genau dort, wo nicht alles entschieden ist.