Lange bevor ich fotografierte oder malte, lernte ich etwas, das meinen Blick bis heute prägt: Musik.
Ich stamme aus einer Musikerfamilie. Mein Vater spielte Klavier, meine Mutter war ausgebildete Organistin. Obwohl mein Vater später Arzt wurde und meine Mutter in die Kommunalpolitik wechselte, blieb die Musik für beide ein wichtiger Teil ihres Lebens.
Bei uns wurde viel musiziert. Mein Bruder und ich machten Hausmusik, und immer wieder waren Musiker zu Gast. Mit fünf Jahren begann ich Klavier zu spielen. Später kamen Cello, Gitarre, Klarinette, Orgel, Xylophon und Schlagzeug hinzu.
Mit zwölf gründeten wir in der Schule eine Band. Dort spielte ich Orgel, Xylophon und Schlagzeug. Später lernte ich Klarinette bei Peter Strohkorb. Um mir den Unterricht zu verdienen, arbeitete ich als Kellner in seiner Jazzkneipe in der Großhesseloher Waldwirtschaft. Auch dort lernte ich etwas Wichtiges: Menschen aufmerksam zu beobachten.
Damals dachte ich, ich würde Musik lernen.
Heute glaube ich, dass ich vor allem etwas über Wahrnehmung gelernt habe. Besonders geprägt hat mich die Kammermusik. Dort genügt es nicht, die eigenen Töne zu spielen. Man muss hören, was die anderen tun. Man muss reagieren. Man muss wahrnehmen, wie aus einzelnen Stimmen etwas Gemeinsames entsteht.
Und noch etwas lernte ich: Eine Pause ist nicht einfach Leere.
In vielen Stücken von Beethoven entsteht Spannung gerade dann, wenn scheinbar nichts geschieht. Die Pause gehört zur Musik wie der Ton. Sie schafft Raum, Erwartung und Bedeutung.
Erst viel später bemerkte ich, dass ich Bilder ähnlich betrachte.
Musik schärft den Sinn für Unterschiede: zwischen laut und leise, zwischen Spannung und Ruhe, zwischen Wiederholung und Variation. Vielleicht beschäftigen mich deshalb bis heute Rhythmen, Strukturen und feine Unterschiede in Farbe, Helligkeit und Schärfe.
Jahrzehnte später begegnen mir diese Erfahrungen wieder in meinen Bildern. Nicht als Motive, sondern als Haltung. Linien können einen Rhythmus erzeugen, Farben können miteinander klingen, Wiederholungen können Spannung aufbauen. Und manchmal ist das Wichtigste eine Stelle, an der scheinbar nichts passiert.
Es mag seltsam klingen, aber ich glaube, dass man Bilder nicht nur sehen kann. Man kann sie auch hören.
Ohne die Musik hätte ich vieles nicht gesehen.
Aber vermutlich anders.
Musik war meine erste Schule des Sehens.