Mit achtzehn Jahren schloss ich mich der Theatergruppe von Eberhard Horst an. Einige aus dieser Gruppe wurden später zu professionellen Schauspielern, darunter Titus Horst und Andreas Borcherding.
Wir spielten nicht die großen Klassiker des Repertoires. Rückblickend war das ein Glück. Gerade weil die Stücke weniger bekannt waren, mussten wir tiefer in sie eindringen. Es gab keine fertigen Bilder im Kopf des Publikums, keine vertrauten Interpretationen, an die man sich anlehnen konnte.
Ich durfte die Hauptrolle in Büchners Leonce und Lena spielen, den Prinzen in Lope de Vegas Die kluge Närrin und den Gutsbesitzer Smirnow in Tschechows Einakter Der Bär.
Ich gestehe: Bei den Proben war ich oft faul. Das hat meine Mitspieler gelegentlich zur Verzweiflung gebracht. Zur Aufführung war ich aber präsent, konzentriert und fehlerfrei.
Vor allem liebte ich die Möglichkeit, mich in einer Rolle zu verstecken.
Auf der Bühne konnte ich Gefühle ausdrücken, zu denen ich im wirklichen Leben damals nicht fähig gewesen wäre. Die Rolle wurde zum Schutzraum. Zugleich verschwand etwas anderes: die ständige innere Kontrolle. Der Teil in mir, der sonst beobachtet, bewertet und korrigiert, trat in den Hintergrund. Damals habe ich etwas gelernt, das mich bis heute begleitet.
Ein Theatertext besteht aus Worten. Die Aufführung eröffnet aber Hunderte von Möglichkeiten. Was ein Zuschauer sieht und hört, muss keineswegs dem entsprechen, was der Schauspieler ausdrücken wollte. Und selbst das kann sich wiederum von den Absichten des Autors unterscheiden.
Zwischen Text, Darstellung und Wahrnehmung entsteht ein offener Raum.
Noch wichtiger war eine andere Erfahrung. Auf der Bühne durfte ich Dinge tun, sagen und fühlen, die ich mir außerhalb der Bühne nicht erlauben würde. Zum ersten Mal erlebte ich, dass man von Erwartungen abweichen kann, ohne dass die Welt zusammenbricht.
Vielleicht begann dort meine Freiheit.
Seitdem fällt es mir leichter, hinter Rollen zu schauen. Ob auf der Bühne, in Führungspositionen oder im Fernsehen – ich weiß, wie sich Unsicherheit, Selbstzweifel und Lampenfieber anfühlen können, auch wenn man sie nicht zeigt.
Und vielleicht arbeite ich deshalb heute so, wie ich arbeite. Ich greife in Fotografien ein, wähle Farben nach meiner eigenen Logik und folge Assoziationen, auch wenn sie Konventionen widersprechen. Mich interessieren Bilder nicht als Beweis, sondern als Möglichkeit.
Die Theaterbühne war eine der ersten Schulen meines Sehens – und vielleicht auch eine der ersten Schulen meiner Freiheit.