Wenn mich jemand fragt, warum ich heute Spuren suche, lautet die ehrliche Antwort: Ich glaube nicht, dass ich sie suche.
Spuren haben mich schon immer angezogen.
Als Kind liebte ich diese Bilderrätsel, bei denen zwei scheinbar identische Bilder nebeneinander standen. Die Aufgabe bestand darin, die kleinen Unterschiede zu finden. Merkwürdigerweise erinnere ich mich weniger an die Unterschiede selbst als an etwas anderes: Während man suchte, entdeckte man plötzlich Dinge, die gar nicht zur Aufgabe gehörten. Details, die zuvor unsichtbar waren. Vielleicht begann dort etwas, das mich bis heute begleitet.
Wenn ich fotografiere, suche ich selten nach einem bestimmten Motiv. Im Gegenteil. Immer dann, wenn ich gezielt etwas finden will, funktioniert es meistens nicht. Die interessanten Dinge begegnen mir eher in Momenten, in denen ich ganz bei der Sache bin. Dann geschieht etwas Fast Meditatives. Mein Blick bleibt an einer abgenutzten Wand hängen, an einem Riss, einer Verfärbung, einer Überlagerung von Linien, an etwas, woran andere vielleicht vorbeigehen würden.
Ich weiß oft selbst nicht, warum gerade dort.
Mich interessieren die Dinge hinter der Hochglanzbroschüre. Die offiziellen Erzählungen eines Ortes sind meist kurz gehalten. Spannender finde ich das, was geblieben ist: Gebrauchsspuren, Überlagerungen, Brüche, Reste früherer Zustände. Nicht weil sie schöner wären, sondern weil sie von einem gelebten Leben erzählen.
Dabei geht es mir nicht darum, eine einzige Wahrheit zu finden. Im Gegenteil. Eine Spur schreibt keine Interpretation vor. Sie lässt unterschiedliche Lesarten zu. Jeder sieht etwas anderes, erinnert sich an etwas anderes, verbindet etwas anderes damit.
Vielleicht deshalb gefällt mir der Begriff Spurenarchäologie besser als der Begriff Fotografie. Fotografie ist für mich vor allem ein Medium. Spurenarchäologie beschreibt eine Haltung. Eine Form von Neugier. Die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Die Akzeptanz dafür, dass nicht alles erklärt werden muss. Die Offenheit für Zufall, Vielfalt und Mehrdeutigkeit.
Im Laufe der Jahre hat sich meine Arbeit verändert. Die fotografischen Funde wurden durch Malerei, Zeichnung und andere Eingriffe ergänzt. Technisch ist vieles präziser geworden. Aber der Ausgangspunkt ist derselbe geblieben: das Finden.
Oder genauer gesagt: das Gefundenwerden.
Denn bis heute habe ich das Gefühl, dass nicht ich die Spuren auswähle.
Oft sind es die Spuren, die mich auswählen.