2017 begann ich mit der Arbeit an einem Roman. Nach mehreren Fachpublikationen wollte ich etwas Neues versuchen. Regelmäßig traf ich mich mit meinem Freund Thomas im Café Piemonte gegenüber dem Alten Peter in München. Wir sprachen über Literatur, über alte Bücher und über die Frage, warum manche Geschichten Jahrhunderte überdauern, während andere längst vergessen sind.
So kam ich zu den Märchen.
Märchen begleiten mich seit meiner Kindheit. Besonders Schneewittchen hat mich nie losgelassen. Jeder kennt die Geschichte. Und jeder versteht sie ein wenig anders.
Aus dieser Faszination entstand schließlich mein Roman „Schneewittchen bin ich“.
Während der Arbeit daran las ich immer wieder Passagen Freunden und Bekannten vor. Dabei bemerkte ich etwas Merkwürdiges. Oft gefielen ihnen die Stellen am besten, die ich selbst für unvollständig hielt. Dagegen verloren manche Passagen an Kraft, wenn ich zu viel erklärte.
Langsam wurde mir klar, dass mich weniger interessiert, was Schneewittchen „bedeutet“, als die Frage, warum Menschen diese Geschichte seit Jahrhunderten immer wieder neu erzählen.
Märchen sind nicht deshalb so stark, weil sie Antworten geben. Sie wirken, weil sie Fragen offenlassen.
Bis dahin hatte ich oft versucht, Zusammenhänge möglichst vollständig zu erklären. Märchen haben mich gelehrt, dem Leser mehr zu vertrauen. Seine Vorstellungskraft, seine Erinnerungen und seine eigenen Deutungen sind nicht ein Hindernis für die Geschichte. Sie gehören zu ihr.
Später begegnete mir derselbe Gedanke in meiner Arbeit als Berater. Auch dort liegt die Versuchung nahe, Antworten zu geben, bevor die eigentliche Frage entstanden ist. Doch nachhaltige Lösungen entstehen meist erst dann, wenn Menschen ihre Fragen selbst entdecken und die Antworten mitentwickeln.
Und schließlich veränderte diese Erkenntnis auch meine Kunst.
Meine Eingriffe wurden kleiner. Weniger Farbe. Weniger Überformung. Mehr Aufmerksamkeit für das, was bereits da ist. Mich interessiert heute der Dialog mit dem Vorgefundenen. Was erzählt mir eine Wand, eine Spur, eine Reflexion? Was wird sichtbar, wenn ich nicht sofort antworte?
Vielleicht versuche ich deshalb in meinen Bildern weniger, etwas zu erklären, als einen Raum für eigene Entdeckungen zu öffnen.
Sie zeigen, dass das, was bleibt, oft nicht das Offensichtliche ist, sondern das, was sich einer endgültigen Erklärung entzieht.