Nikolaus Rauch
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Die Dinge, die meinen Blick verändert haben

Schneewittchen und die vielen Wirklichkeiten

Reflexionen: Spiegelung heller Formen in einem grünen Fenstergitter

Als Kind verstand ich nicht, warum mich Schneewittchen so beschäftigte. Es waren weder die Zwerge noch der vergiftete Apfel. Es waren die Fragen, die das Märchen in mir auslöste. Warum wollte jemand ein junges Mädchen töten? Warum war Schönheit eine Bedrohung? Und warum schienen die Erwachsenen diese Fragen zwar zu kennen, aber nie wirklich beantworten zu können?

Die Antworten, die ich bekam, überzeugten mich nicht. Irgendwann hörte ich auf zu fragen. Das Märchen blieb jedoch irgendwo im Hintergrund meines Denkens erhalten.

Viele Jahre später begegnete mir Schneewittchen wieder. Dabei stellte ich fest, dass ich nicht mehr dieselbe Geschichte las. Als Kind hatte ich mich vor allem mit Schneewittchen identifiziert. Nun interessierten mich plötzlich die anderen Figuren. Die Königin, der Spiegel, der Jäger und die Menschen, die zusahen

und schwiegen. Das Märchen schien nun von ganz anderen Dingen zu handeln: von Eifersucht, Macht, Angst vor dem Älterwerden, von Verlust und von der Frage, wie Menschen mit ihren Sehnsüchten und Enttäuschungen umgehen. Noch später entdeckte ich, dass Geschichten ihren Kern behalten können, obwohl sie immer wieder anders erzählt werden. Mich faszinierte dabei weniger die Frage nach der richtigen Version als die Tatsache, dass aus demselben Ursprung viele unterschiedliche Lesarten entstehen können.

Vor einer verwitterten Wand oder den Farbschichten einer U-Bahn-Station passiert mir heute manchmal etwas Ähnliches. Zunächst sehe ich nur Spuren. Doch wenn ich länger hinschaue, treten Figuren hervor: Gesichter, Tiere, kleine Szenen oder ganze Geschichten. Andere Menschen entdecken dort vielleicht etwas völlig anderes oder gar nichts.

Ein Bild wie „Station 150“, entstanden in der Münchner U-Bahn, verdankt sich genau einer solchen Erfahrung. Was zunächst nur eine Wand war, begann Geschichten zu erzählen. Nicht weil ich etwas erfinden wollte, sondern weil bereits etwas da war, das entdeckt werden konnte.

Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen Märchen und meiner künstlerischen Arbeit. So wie eine Geschichte viele mögliche Lesarten zulässt, ohne ihren Kern zu verlieren, entstehen auch aus einer einzigen Spur viele mögliche Bedeutungen. Meine Bilder deuten eine Richtung an, lassen andere Interpretationen aber ausdrücklich zu. Die Fotografie hat bereits genug vorgegeben. Der Rest gehört dem Betrachter.

Schneewittchen hat mir deshalb nicht nur eine Geschichte hinterlassen. Es hat meinen Blick dafür geschärft, dass hinter dem Sichtbaren oft mehr verborgen liegt als eine einzige Wahrheit.

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